EMPURIABRAVA, 17.08.2017 - 02:01 Uhr

Die verschwundenen Gebeine des heiligen Narziss in Girona

GIRONA / KATALONIEN / SPANIEN: Bei verschiedenen Kulturspaziergängen in Girona und beim Besuch der Basilika Sant Feliu haben wir uns gefragt: Liegen die Reliquien des verehrten Patrons von Girona noch in seinem silbernen Sarkophag oder ist dieser leer? Diese Frage kann nun beantwortet werden. Die Zeitung „Diari de Girona“ brachte in ihrer Sonntagsbeilage vom 23.10.2011 die Aufklärung.

Das ist vor dem Hintergrund der „Fires de Sant Narcis“ besonders aktuell. Girona feiert dieses große und vielbesuchte Stadtfest seit über 100 Jahren. Es beginnt traditionellerweise mit dem Tag des Heiligen am 29. Oktober; dieses Jahr findet es vom 28.10. bis 6.11. statt. Ein vielfältiges volkstümliches und kulturelles Angebot ist damit verbunden. Vor dem Bürgerkrieg, also vor 1936, konnte das Volk auch an den sichtbar gemachten und in ein Bischofsgewand gehüllten Überresten von Narziss vorbei defilieren und sie betrachten.

Wer war Narziss?  Narcissus soll zu Beginn des  4. Jahrhunderts Bischof von Gerunda gewesen sein. Angesichts der diokletianischen Christenverfolgungen floh er mit seinem Diakon Felix nach Augsburg. Dort kehrte der fromme Mann unwissend in ein Bordell ein, in dem die spätere Heilige von Augsburg, Afra, mit ihrer Mutter Hilaria lebte. Beide waren aus Zypern geflohen, wo man den Vater und Gatten, einen König, erschlagen hatte. Der Gottesmann bekehrte sie und die anderen Venusdienerinnen. Den Onkel von Afra, Dionysius, weihte er zum ersten Bischof von Augsburg. Nachdem Afra den römischen Soldaten nicht mehr zu Diensten war, brachte man sie vor Gericht und sie wurde zum Feuertod verurteilt. Nach neunmonatigem Aufenthalt kehrte Narziss nach Girona zurück und fand dort 307 den Märtyrertod. Das ist alles legendenhaft und es ist fraglich, wieweit es auf historischen Fakten beruht. Wie dem auch sei, in Augsburg und Girona erfreute sich Narcissus ab dem 11. Jahrhundert großer volkstümlicher Verehrung. Also ihr Augsburger, die Anfänge eures Christentums liegen hier in Girona und bei einer fremdländischen Hure!

In Girona hatte man Ende des 10.Jahrhundert in einem römische Sarkophag einen mumifizierten Leichnam gefunden, den man als Narcissus identifizierte und in der Kirche des heiligen Felix Afrikanus beisetzte. Bischof Berengar von Girona übergab 1087 Boten aus Augsburg ein Stück von einer im Grab des Narziss gefundener Stola und teilte mit, dass der Leichnam des Heiligen unverwest erhalten sei.

1328 fertigte Joan de Tournai einen gotischen Sarkophag an, der in Friesen die Legenden um den Bischof darstellt ( er ist in der Kirche Sant Feliu  vor dem Chorraum links zu sehen).

Die Anfertigung eines neuen prachtvollen Grabmals hängt mit einem angeblichen Eingriff des Heiligen zugunsten der Bürger Gironas zusammen, der ihn erst recht zum „Beschützer und Patron“ Gironas machte.1285 war das Heer des französischen Königs Philipp des Kühnen in Katalonien eingefallen ( was als „Kreuzzug“ deklariert worden war) und hatte Girona erobert. Als französische Soldaten dabei waren, das Grab des Heiligen zu entweihen und einen Arm zu entwenden, stiegen vom Leichnam des Heiligen gigantische Fliegen auf, die sich wild auf die Franzosen und ihre Pferde stürzten und sie stachen. Dies und eine darauf ausgebrochene Seuche zwang das französische Heer zum Abzug.  So die Legende, wobei geschichtlich ist, dass das französische Heer und der König von einer Krankheit, wohl Malaria, befallen wurden.. Der Vorfall wird auf einem großen barocken Bild in der Kirche dargestellt. Seitdem wird Narziss als Beschützer vor Fliegen- und Mückenplage angerufen ( was, seitdem es modernere Mückenschutzmittel gibt, sichtlich nachgelassen hat).

1782 lässt der Bischof Tomas de Lorenzana für Narziss eine prunkvolle neoklassizistische Kapelle an Sant Feliu anbauen, auf deren Altar nun die Reliquien in einem silbernen Grabmal
aufgebahrt wurden. Die silberne Hülle ist vorhanden und Scharen von Gläubigen und Touristen verehren oder bestaunen sie. Aber sie birgt – wie der Bericht von Diari de Girona enthüllt - nichts.

Die Zeitung berichtet von einer Untersuchung des Leichnams durch eine „Kommission“ 1936. Nach mehreren Zerstörungen (sicher durch kirchenfeindliche Republikaner) in Sant Feliu hatte man das Grab des Heiligen geöffnet, den Leichnam – wohl gegen ursprüngliche Absprachen und den Willen des Klerus – herausgenommen und einer Untersuchung außerhalb der Kirche unterzogen. Diari de Girona bringt eine Reihe von bisher verschollenen Bildern, die bei der Untersuchung aufgenommen wurden und in verschiedenen Archiven lagerten.
Das Ziel der Untersuchung ist nicht ganz  klar, offenbar wollte man herauszufinden, ob die Legende von der Unzerstörtheit des heiligen Leichnams auf Tatsachen beruhe. ( Unklar ist, in welcher Absicht man das herausfinden wollte.) Gefunden wurden bischöfliche Kleidungsstücke und Schmuck, vor allem aus dem 17./18. Jahrhundert, mit denen die Überreste bekleidet waren. Die Mitra war aus Holz. Die Knochen waren unvollständig. Dem mit mumifizierten Hautteilen überzogenen Schädel und Gesicht fehlte der Unterkiefer. Brust und Rücken fehlten ebenfalls, hingegen war das Becken vollständig. Die Arme und der rechte Fuß waren durch Holz ersetzt.

Natürlich hatte die linke Presse den Befund sofort ausgeschlachtet, ihren Spott darüber ausgegossen und „Priesterbetrug“ konsta- tiert. Die fehlenden Teile kann man allerdings auch durch die verschiedenen Beraubungen durch französische Soldaten von 1285 bis 1809 erklären.

Nach der Untersuchung wurde die Reste des Patrons Gironas in einem Gebäude der Rambla, den heutigen städtischen Ausstellungsräumen, einige Tage öffentlich ausgestellt. Sicher keine würdige Präsentation! Danach wurden sie in die Sakristei der Kirche verbracht. Und dort verschwanden sie in einer Nacht.

Bis heute weiß niemand, wer sie geraubt hat, warum das geschah und was mit den Reliquien gemacht wurde. Girona hatte ein Geheimnis mehr.

Seitdem müssen die Stadt, ihre Fira und die Besucher der Kirche ohne die irdischen Reste des Heiligen auskommen. Aber vielleicht ist die Gestalt des Narziss und die Zuschreibung eines mumifizierten Leichnams an ihn ohnehin Werk frommer Phantasie gewesen. Und für den Gläubigen zählt sowieso der Glaube an die segensreiche Wirkung eines himmlischen Fürsprechers mehr als die Präsenz einiger Knochen.
Dr. Wolfram Janzen



Montag 31. Juli 2017 31.07.17 17:56

          

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