EMPURIABRAVA, 22.09.2017 - 06:32 Uhr

Roses – Festung an der Grenze. Ein Blick in die Geschichte

ROSES / KATALONIEN / SPANIEN: Roses war schon im Mittelalter eine umkämpfte und befestigte Ansiedlung. Dies hängt mit der Grenzlage zwischen Frankreich und dem Prinzipat Katalonien, zusammen.  Außerdem war Roses Hafenstadt , von der aus die angrenzenden Küsten erreicht werden konnten. Diejenige Macht, die Roses besaß, hatte eine militärische Schlüsselstellung inne. Roses war sozusagen das Tor zu Spanien. So ist es verständlich, dass Roses auch in der Neuzeit umkämpft war, vor allem zwischen Frankreich und Spanien. Die Kämpfe hängen
mit der europäischen Geschichte zusammen, in Roses spiegelt sich europäische Geschichte.

Kaiser Karl V., der sich in Auseinandersetzung mit dem französischen König Franz I. um die Vorherrschaft in Europa befand, erkannte die Schlüsselstellung Roses. Bei einem Besuch
in Roses 1543 gab er den Befehl, das mittelalterliche Roses als Festung auszubauen. Auch der Überfall türkischer Korsaren  unter  Turgut Reis („Dragut“) auf Roses im selben Jahr zeigt die Notwendigkeit dieses Vorhabens . ( Die Türken waren mit Frankreich verbündet.)

Mit dem Ausbau wurde erst der spanische Militäringenieur Pinzano beauftragt, dann der Italiener Calvi, der einen erweiterten und „moderneren“ Plan vorlegte.

1544 beginnen die Arbeiten an der Zitadelle, die schließlich in 5-Eck-Form („Pentagon“) mit
mit 5 vorspringenden Bastionen erbaut wird. Damit wird Roses zur ersten spanischen Festungen im „Bastions-“ oder im „italienischen“ Stil (später nennt man das den Stil Vauban, nach dem französischen Militärbaumeister und Marschall Sebastian Le Preste de Vauban, geb. 1633, der das System aber nicht erfunden hat.)  Das System trägt der Entwicklung der Artilleriewaffen Rechnung und ersetzt das mittelalterliche Mauern-/Turmsystem, das wir im alten Roses vor uns haben. Auf den Bastionen werden die Kanonen zentriert (auf sogenannten Troneras, Abschussrampen mit Schießluken. Sie können von den verschiedenen Troneras nach vorne und seitwärts feuern und auch schnell über Rampen an andere Positionen gerollt werden.

Ab 1598 werden die zwei Kasematten im Osten als Unterkunft für die Soldaten errichtet, die bisher in den Bürgerhäusern wohnten, was auf Grund der soldatischen Übergriffe zu viel Unmut führte.(Heute sieht man noch Reste der Mauern dieser Gebäude.) Andere sehr primitive Unterkünfte für Soldaten befinden sich innerhalb- und unterhalb der dicken Festungsmauern. 1643 werden die Außenwerke der Festung (Ravelins und Contregarden) in Angriff genommen. (Noch weiter außen liegende Wälle und Gräben sind aber heute zum großen Teil verschwunden.) Nahe bei der Kirche bzw. dem Kloster liegen die Ruinen der Unterkünfte und wohl auch die Ställe der Kavallerie und das Arsenal, der Aufbewahrungsort der Waffengeräte. Der Gouverneur, als Vertreter des Königs, wohnte an zentraler Stelle der Festungsanlage, am Rande der alten Stadt und vor der großen Fläche des Waffen-  bzw. Exerzierplatzes ( hier sieht man noch die Grundmauern des Gebäudes). Er hatte den militärischen Oberbefehl und die Rechtsprechung über die Soldaten inne. Die Grundmauern eines Hospitals sind über den heute freigelegten Fundamenten hellenistischer Häuser erkennbar.

Beachtenswert ist das repräsentative Renaissance-Tor zur Festung, das kundgibt, dass dies der Eingang zu einer königlichen Festung ist, würdig eines Herrschers und seines Regentensohnes (Philipp II.), in deren Reich  „die Sonne nicht unterging“. Die Festung Roses ist Ausdruck der Politik, die Karl V. als König Spaniens (hier ist er Carlos I.), als Herrscher des Prinzipats Katalonien und Kaiser des „Heiligen Römischen Reiches“ verfolgte. Dies vor allem mit Hilfe seines Söldnerheeres und seiner Flotte unter dem Feldherrn Herzog Alba sowie dem Admiral Andrea Doria, die beide den Bau der Festung Roses unterstützten, wenn auch mit unterschiedlichen Ansichten.
Die zum Meer hin gelegenen Bastionen Sant Joan (links vom Eingang) und Santa Maria (rechts) drücken den Kampf des Kaisers gegen die türkischen Muselmanen und gegen die „Häretiker“ ( die Protestanten) aus. Der Kreuzritterorden der „ Johanniter“ stand in vorderster Front im Kampf gegen die Türken. Maria galt als Schutzherrin der Katholiken. Die nach dem Land gerichteten Bastionen Sant Jordi, Sant Andreu  und Santiago beziehen sich auf den katalanischen Nationalheiligen Sankt Georg, auf den Patron der Krone Kastiliens Sankt Jakobus und auf Sankt Andreas, den Schutzheiligen des spanischen Militärs. Diese Bastionen richten sich in erster Linie gegen die französische Königsmacht.

Mit dem Bau der Zitadelle wird – auf ausdrückliche Anordnung von Karl V. - von Pinzano, oberhalb der Bucht Poncella, unterhalb des Puig Rom(a), auf einem Felsen, die Festung Trinitat ( Dreieinigkeit) erbaut. Sie beherrscht die Einfahrt in den Hafen von Roses und ist zusammen mit der Zitadelle zu sehen. Sie krönt das Festungswerk in Roses unter dem Schutz der „Allerheiligsten Dreieinigkeit“. Man muss beachten, dass der Kampf um Roses, den „Schlüssel zu Spanien“, immer auch von der See her geführt wurde.

Karl V. ist mit seiner Imperiumspolitik gescheitert und zog sich 1556 resigniert ins Kloster Yuste zurück. Auch seine Nachfolger konnten ihre Hegemonieansprüche in Europa auf die Dauer nicht durchsetzen.
Das Ende des 30-jährigen Krieges (1648 Westfälischer Friede), an dem Spanien sich beteiligt hatte, besiegelt den Niedergang Spaniens als Weltmacht und der habsburgischen Vormacht in Europa. Frankreich wird Zentralmacht. Unter Ludwig XIII. (1610-43) und dem Kardinal Richelieu (1624-1642) als leitender Minister wird der königliche Absolutismus ausgebaut. Frankreich „rundet“ seine Grenzen ab  ( Pyrenäen und Rhein als Grenze – „Devolution“ – Rückgriff auf die „natürlichen“ Grenzen Galliens). Es greift nach dem Rossello und auch nach Katalonien. Ludwig XIV (1661-1715) und Kardinal Mazzarino (1643-1661) führen diese Politik fort. Katalonien fällt 1640-1652 vom spanischen Zentralstaat ab und verbündet sich mit Frankreich.

So wird es verständlich, dass Kardinal Mazzarino 1645 General  Graf  Plessis de Preslain den Befehl gibt,  den spanisch-königlichen „Platz“ Roses zu erobern. 12 000 französische Sodaten
mit 600 Pferden und 35 Schiffe stehen einer Besatzung von 3000  Männern mit 300 Pferden gegenüber. Die Belagerung endet nach 3 Monaten mit der Kapitulation der Zitadelle.
Am Ende zählt man 3000 Tote unter den Franzosen, 1500 unter den Spaniern. Die Zivilbevölkerung wird bei dieser und den späteren Belagerungen immer in Mitleidenschaft gezogen.
Roses bleibt bis 1660 unter französischer Herrschaft. Ein sichtbares „Denkmal“ dieser Zeit ist. das Wappen  Mazzarinos und des Gouverneurs Montier (daneben eine Inschrift), die 1658 am  sogenannten „Herz“ oder„Waschtrog der Königin“ an der Ecke eines Außenwerkes der nordwestlichen Flanke angebracht wurde. 1659 wird der „Pyrenäenfrieden“ geschlossen, der die Pyrenäen zur Grenze zwischen Frankreich und Spanien macht. Roses fällt an Spanien zurück.

Aber schon 1693 wird die Festung im Zuge der „Devolutionskriege“  Ludwigs XIV. erneut
- unter dem Marschall Noailles – belagert und erobert. Das französiche Expansionsstreben wird aber durch die „ Große Allianz“ unter Führung Wilhelms III. von Oranien und nach der Niederlage in der Seeschlacht bei La Hogue zurückgedrängt. Nach dem „Frieden von Rijswijk“ (1697) wird Roses an die Spanier zurückgegeben.

Nach der französischen Revolution wenden sich die europäischen Mächte gegen die Ausbreitung der revolutionären Ideen und nehmen Frankreich in die Zange. Das entfacht das Nationalgefühl Frankreichs und es antwortet mit der Mobilmachung eines Volksheeres. Wieder will man die „natürlichen“ Grenzen zurückgewinnen und darüber hinaus Europa vom Absolutismus und Feudalismus befreien. Die Spannungen zwischen Frankreich und Spanien führen zu einer Kriegserklärung Frankreichs (März 1793). Spanien tritt der antifranzösischen Koalition bei. Nach anfänglichen Erfolgen, erleidet es aber im Rossello eine Niederlage. Die französischen Heere dringen über die Grenze. Sant Ferran in Figueres wird kampflos übergeben, Roses 1784/95 (Nov. –Febr.) belagert („Große Belagerung“/Gran Setge/ Gran Sitio) im „Großen Krieg“/Guerra Gran). Durch starke Bombardierung und Seuchen  wird die Besatzung zermürbt. Sturm und Schneefall hindern die spanische Flotte am Eingreifen (Untergang der „Triunfante“, die bei Sant Pere Pescador auf dem Grund liegt). Die Verteidiger geben die verwüstete Festung auf  und ziehen – um ein Drittel reduziert – auf Schiffen ab.

1795 beteiligt sich Spanien am Frieden zu Basel und tritt der antienglischen Koalition bei (gegen den expandierenden britischen Kolonianismus) . Roses wird wieder von den Franzosen freigegeben.

1796 wird die neue Kirche in Roses– außerhalb der Zitadelle- gebaut. Die Bevölkerung war längst aus den Mauern der Festung gezogen. Die alte Klosterkirche Santa Maria hatte durch die Bombardierungen schwere Schäden erlitten.

Im Vertrag von Fontainebleau (1807) erhalten die Truppen Napoleons das Durchmarschrecht
durch Spanien, um sich gegen das mit England verbündete Portugal zu wenden. Napoleon benutzt das, um Spanien zu besetzen und es seinen Neuordnungsplänen für Europa zu unterwerfen. 1808 überschreiten die französischen Truppen die Pyrenäen und belagern Roses unter den Generälen Saint Cyr und Reille (6. Nov.-5. Dez.). 13 600 Mann stehen 3000 Mann in der Festung (darunter viele „Miqueletes“ und „Somatenes“ – Freischärler und Angehörige von Bürgerwehren) gegenüber. Die englische Flotte – Royal Navy - unter Lord Cochrane und unter dem Oberbefehl von Vize-Admiral Lord Collingwood ( Mitsieger in der Seeschlacht von Trafalgar 1805 über die französisch-spanische Flotte und Nachfolger Nelsons) unterstützt die Verteidigung. 2439 Verteidiger  ziehen am Ende ab oder wandern  in die Gefangenschaft – unter dem Beschuß der Engländer.( was von englischen Forschern bestritten wird).  Die Besatzung der Nebenfestung von Santissima  Trinitat unter britischer Führung muss ebenfalls aufgeben und entkommt auf den englischen Schiffen.

Festung und Stadt befinden sich in einem desolaten Zustand, wie es ein deutscher Soldat aus dem Rheinland in napoleonischen Diensten, Heinrich Raaf, 1811 in seinen Erinnerungen beschreibt:
„ In der ganzen Stadt Roses blieb kein Haus bewohnbar, nur Schutthaufen, undichte Dächer und zerstörte Mauern. Auf dem Marktplatz hatte man Galgen errichtet, an denen die Körper von 5 spanischen Bauern hingen, die auf die französischen Soldaten geschossen hatten. In der Zitadelle gab es kein Bett, keinen Tisch, keinen Stuhl, die Soldaten schliefen auf dem Boden, auf Stroh.“ (Rückübersetzung aus dem Spanischen.)

1814 ziehen die Franzosen ( nach dem Scheitern Napoleons in Russland, den Befreiungskriegen und dem Sturz Napoleons) ab und sprengen große Teile der Festung in die Luft. Im Wesentlichen präsentiert sich die Festung heute in diesem Zustand, sehen wir vom folgenden Verfall, einigen weiteren Zerstörungen, älteren und jüngsten Erneuerungen und den Ausgrabungen ab.

Die Festung Trinitat
Im Untergeschoss der Festung wird der Stein gezeigt, auf dem Karl V. gesessen und gegessen haben soll, als er den Festungsfelsen bestieg, auf dem ein Turm stand (wohl schon Trinitat genannt), und auf die Bucht hinausblickte. Er legte besonderen Wer darauf, dass hier eine Festung entstehen sollte. Diese wurde von Pinzano in und auf den Felsen gebaut. Die Lage erklärt, warum die Festung klein und dreistöckig erbaut wurde, dafür auf Grund ihrer Felslage und der dicken Mauern sehr wehrhaft.
Sie wurde sternförmig, mit 4 spitzen „Bastionen“ und einem dreieckigen Vorbau („Revellin“) im Eingangsbereich errichtet (2. Ebene). Der Eingangsbereich war durch seine Anlage sehr schwer zu erobern. Alles ist auf engstem Raum ausgeführt, ungewöhnlich, aber sehr zweckmäßig. Die Kanonen auf den Bastionen beherrschten alle Himmelsrichtungen. Der westliche Punkt war nach Roses gerichtet (Sant Francesc de Paolo?), der nördliche nach Sant  Pere de Rodes, der östliche Trinitat oder Sant Tecla (?) zum Meer hin, der südliche (Santa Barbara? – die große Plattform!)  zu den Medes-Inseln. Der höchste Punkt, ein sogenannter Caballero (3. Ebene) wandte sich gegen den Puig Rom, den strategischen „Schwachpunkt“ der Festung. Auf der höchsten Lage, in der 3. Ebene, krönte eine Kapelle das Bauwerk, das nicht nur dem Namen nach, sondern auch in sich eine „Dreieinigkeit“ darstellte.  In der unteren Ebene befanden sich Zisterne, Versorgungseinrichtungen und zusätzliche Behausungen für Soldaten, aber auch Luken für Geschütze. Die „normalen“ Behausungen waren in der 2. Ebene im Bereich „Roses“ untergebracht. Der Gouverneur residierte auf der anderen Seite („Trinitat“). Kurios seine Latrine! Die Festung war mit allem Notwendigen für ca. 300 Soldaten angelegt.
Die auf alten Zeichnungen erkennbaren Bögen in den Außenmauern  zur See hin ( die in der Renovierung durch Zementmauern nicht wiederhergestellt wurden) dienten der Stabilisierung.

Die erste Bewährungsprobe der Festung war 1564, als ein Angriff türkischer Korsaren zurückgeschlagen werden konnte, ebenso 1584. Die Festung machte alle Belagerungen von Roses mit und wurde in diesem Zusammenhang auch jeweils mit übergeben. Bei der Belagerung von Roses durch die napoleonischen Truppen 1808 verließ – nachdem die Zitadelle kapituliert hatte - die englisch-spanische Mannschaft unter Lord Cochrane das Kastell und rettete sich auf englische Schiffe. Vorher sprengten sie große Teile von Trinitat in die Luft. Damit war die Festung unbrauchbar geworden.

Durch die unlängst beendete, moderne, von außen nicht immer schöne, aber sinnvolle Renovierung ist die Festung wieder zugänglich  und in ihrer Anlage und Bedeutung erkennbar geworden. So richtig deutlich wird aber wohl alles nur mit fachkundiger Führung. Beeindruckend ist auf jeden Fall die Aussicht von den Plattformen.
Dr. Wolfram Janzen


Donnerstag 29. Juni 2017 29.06.17 20:03

          

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