EMPURIABRAVA, 22.09.2017 - 11:59 Uhr

Unterschiedliche Interpretationen einer Umfrage

Von Pere Grau
Jedes Quartal veröffentlicht die katalanische Landesbehörde für Meinungsumfragen CEO (Centre Estudis Opinió) eine umfangreiche Umfrage mit Daten über Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, etc. Einige der Daten vom ersten Quartal 2017 haben sehr viel Staub aufgewirbelt und sind sehr unterschiedlich interpretiert worden, je nachdem ob die Kommentare von Gegnern oder von Befürworter der katalanischen Unabhängigkeit waren.
Bevor hier über die Einzelheiten berichtet wird sollte man sich vergegenwärtigen, dass bei vielen Bewohnern Kataloniens die Angst vor einer gewalttätigen, irrationalen Reaktion Spaniens sehr tief verwurzelt ist (siehe Artikel „Der Lohn der Angst“ von August 2016). Das verursacht nicht selten widersprüchliche Antworten bei den selben Befragten. Und das hat zu den unterschiedlichen Interpretationen der Umfrage geführt.
In einem Teil davon, auf die Frage ob man für die Unabhängigkeit Kataloniens ist, haben 44 % mit Ja geantwortet. Alle andere teilen sich auf in solche, die eine Föderation bevorzugen, die Beibehaltung der jetzigen Autonomie befürworten, solche die keine Meinung haben, oder sich der Stimme enthalten wollen. Die pro-spanischen Medien haben gleich die Rechnung gemacht, dass nur 44 % für die Unabhängigkeit wären und 49 % dagegen (wobei nicht klar ist welche Gruppen sie addiert haben um auf 49 % zu kommen). Damit meinten sie, dass für die Unabhängigkeit schon das Totenglöckchen geläutet hatte. Sie haben aber übersehen (oder übersehen wollen), dass die Antworten auf eine andere Frage zu einer ganz anderen Schlussfolgerung führen können.
Die Frage war : „Wenn am nächsten Sonntag ein Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens stattfinden würde, was würden Sie wählen?“- Die Antworten waren: Ja, 43,6 %; Nein, 22,2 %; noch unentschieden, 4,7 %; würden nicht wählen, 20,7 %; absichtlich weiße oder ungültige Zettel, 7,9 %. Und jetzt schauen wir uns an was diese Zahlen bedeuten würden, und nehmen wir sogar an, sowohl die Unentschiedenen als auch diejenigen, die ungültige Stimmen abgeben wollen, würden sich am Ende für ein Nein entscheiden. Das würde folgende Ergebnisse bringen:
Wahlbeteiligung: 79,3 %. Wahlenthaltung 20,7 %
Ja-Stimmen: 43,6 % der Wahlberechtigten = 56 % der abgegebenen gültigen Stimmen
Nein-Stimmen: 34,9 % der Wahlberechtigten = 44 % w.o.
Wohlgemerkt nochmals, dies sind Zahlen, die zugunsten des „Nein“ geändert sind. Damit, und wenn wir sie mit anderen ähnlichen Referenden vergleichen, können wir folgendes feststellen: eine Wahlbeteiligung von 79 % der Wahlberechtigten würde das Ergebnis des Urnengangs vollkommen legitimieren. Und eine Entscheidung von 56 % Ja gegen 44 % Nein wäre international unanfechtbar. Und das, wie gesagt, mit zugunsten des Nein geänderten Daten.
Gerade diese Zahlen machen so verständlich warum sich die spanische Politik gegen ein Referendum mit Händen und Füßen wehrt. Es ist nur so, dass gerade diese Politik der ewigen Verweigerung und (jetzt auch) der Kriminalisierung von katalanischen Politikern, erst recht die Unabhängigkeitsbewegung die Stärke hat erreichen lassen, die sie jetzt hat.
Wenn jemand noch Zweifel hat, ob diese Zahlen von der internationalen Gemeinschaft als genügend betrachtet werden würden, braucht er sie nur mit den Daten zu vergleichen die zum Brexit geführt haben.
                                           Großbritannien      Katalonien (laut o.g. Umfrage)
                                             (in Millionen)          (in Millionen)
Bevölkerung                             61                                   7,5
Wahlberechtigte                      46                                   5,2
Wahlbeteiligung                      33  (72%)                       4,1  (78,3 %)
Beim Brexit haben mit Ja, 17 Millionen, also 37 % der Wahlberechtigten.  Bei dem katalanischen Referendum würden mindestens 2,3 Millionen, also 32,5 der Wahlberechtigten mit Ja. Und wenn die Entscheidung für den Brexit mit diesen Zahlen anerkannt wurde, warum sollte die Unabhängigkeit Kataloniens mit ähnlichen Zahlen nicht anerkannt werden?
Es versteht sich von selbst, dass bis zu dem Tag, an dem ein Referendum wirklich stattfindet, sich alles ändern kann und, dass nicht Umfragen, sondern nur die wirklichen Ergebnisse relevant sein werden. Aber hier ging es nur darum zu zeigen, dass der triumphierende Schrei der spanischen Presse sehr verfrüht gewesen ist, und nur durch eine unvollständige und parteiische Analyse der Daten hervorgerufen wurde.


Freitag 28. April 2017 28.04.17 17:40

          

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