EMPURIABRAVA, 17.08.2017 - 10:11 Uhr

Dicke Bretter durchbohren

Von Pere Grau
Dieser Blog ist jetzt 10 Monate alt, und dieser Artikel der 44. Und immer schreibe ich mit dem Gefühl, dass es mir vorkommt, als wollte ich besonders dicke Bretter durchbohren. Dies ist mir besonders bewusst  geworden, nachdem ich im katalanischen Nachrichtenportal Vilaweb einen Artikel des Journalisten und Publizisten Joan-Lluís Lluís gelesen habe, mit dem Titel „Von der schwierigen Kunst zu versuchen Spanien zu erklären“. Erlauben Sie dass ich Teile davon zitiere:
„…Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht die richtige Worte finde, aber jedes Mal, wenn ich jenseits von Spaniens Grenzen über Spanien reden muss, sehe ich mich mit dem selben Problem konfrontiert. Die Leute denken, dass ich übertreibe. Ich kann über die Prozesse und die Urteile gegen Mas, Ortega und Rigau reden, über das laufende Verfahren gegen die Parlamentspräsidentin, über das objektive Interesse der spanischen PP das Schreckgespenst ETA am Leben zu erhalten, über die öffentliche Verhöhnung der katalanischen Sprache, über die tatsächlichen Grenzen des Rechts aus Meinungsfreiheit … ich kann reden über das Raubrittertum in der spanischen Steuerpolitik, über Flughäfen ohne Flugzeuge, über Hochgeschwindigkeitszüge ohne Passagiere, über den verweigerten Ausbau eingleisiger Nahverkehrstrecken rund um die Metropole Barcelona oder darüber wie der spanische Staat den „Mittelmeerkorridor“ interpretiert. Mein Erfolg ist aber gering.
Dabei fällt mir auf, dass meine Gesprächspartner in der Regel die selbe Vorstellung von Spanien teilen: dass es ein armes Land war, das jedoch sein wirtschaftliches Niveau wesentlich verbessert habe. Das es eine Diktatur war, jedoch heute uneingeschränkt mit jeder westlichen Demokratie zu vergleichen sei, und fertig. Es sei doch Mitglied der EU, oder? Und es gäbe regelmäßig Wahlen. Gibt es da nicht den politischen Machtwechsel? Das solle doch ausreichend zeigen, dass alles nicht so im argen liegt… Was ich sonst erzähle, scheinen für jene Einzelfälle sein. Einzelfälle, von denen man halt so erzählt, vielleicht sogar aus böser Absicht. Und selbst jene, die mir keine bösen Hintergedanken unterstellen, reagieren lediglich mit Schulterzucken. Wahrscheinlich sei es ja gar nicht so schlimm… Der Versuch Spanien zu erklären, ist es wie mit einem Skateboard über einen feinsandigen Strand fahren zu wollen. Der Versuch ist lobenswert, das Ergebnis gleich Null…“
Solch eine Erfahrung, wie die des Journalisten habe ich auch oft genug gemacht. Und ebenso häufig ist die Reaktion der gutgemeinte Rat, dass doch „alles durch einen vernünftigen Dialog zu lösen sein sollte“. Selbst wenn man darauf hinweist, dass die Katalanen seit Jahr und Tag den Dialog gesucht haben, dass sie versucht haben, ein vernünftiges Miteinander innerhalb des spanischen Staates durch ein adäquates Autonomiestatut zu erreichen. Stattdessen wurde ein Autonomiestatut, das den katalanischen Wünschen immerhin teilweise Achtung schenkte und von allen, auch gesamtspanisch anerkannt worden war, nachträglich durch eine Klage beim Verfassungsgericht, initiiert von der spanischen Volkspartei, so weit verstümmelt, dass es zu einer leeren Hülse verkam.
Und was geschah mit der Anfrage der Katalanen nach einer neuen und gerechteren Finanzregelung, die Katalonien im besten Falle die selben Rechte gewährt hätte wie sie das Baskenland und Navarra schon lange genießen? Sie wurde abgelehnt. Man hat wenigstens um erweiterte regionale Zuständigkeiten gebeten, um Straßen, Eisenbahnlinien, Häfen und Flughäfen zum Nutzen des ganzen Landes verbessern und erweitern zu können. Sie wurden abgelehnt. Alles wurde verweigert. Ohne Dialog. Stattdessen findet man in Spanien Flughäfen ohne Flugzeuge und Hochgeschwindigkeitszüge zu Orten, an denen weniger Menschen leben  als es Plätze im Zug gibt.
Und ausgerechnet jetzt, wo die Katalanen nicht mehr still halten, sich nicht mehr mit dem ständigen Nein zufrieden geben, ausgerechnet jetzt bittet die spanische Regierung um einen Dialog mit den Katalanen, aber vermeidet tunlichst den direkten Kontakt mit der katalanischen Landesregierung. Und stellt unmissverständlich klar, dass ein solcher sogenannte Dialog nur Themen behandeln dürfe, die den jetzigen Status quo  verfestigten. Ausgerechnet jetzt spricht der spanische Ministerpräsident von ein paar Milliarden zur Verwirklichung von Infrastrukturprojekten, die schon oft versprochen, aber nie realisiert wurden. Und er macht dies nicht etwa während eines Treffens mit der katalanischen Landesregierung, sondern während eines Vortrags vor ihm genehmen und zugeneigten Vertretern der Wirtschaft.
Derweil geschehen weiter viele Dinge, die im Ausland unbemerkt bleiben, aber in Katalonien sehr wohl registriert werden. Zum Beispiel, dass ein katalanischer Professor (von die Universitat Politècnica de Catalunya), am Flughafen Barcelonas, sich höflich an einem spanischen Polizisten in katalanischer Sprache wendet, um eine Auskunft zu erfragen, und nun deswegen eine Geldstrafe von 601 Euro bezahlen muss (hier auch auf spanisch). Eine Willkür, die durch ein Gesetz ermöglicht wird, das den schönen Namen „Gesetz zum Schutz der persönlichen Sicherheit“ trägt, in ganz Spanien aber (und nicht nur in Katalonien) unter dem weniger schönen Namen „Knebelgesetz“ bekannt ist. Gewährt es doch den spanischen Sicherheitsdiensten umfangreiche Rechte, die jenen der Türkei Erdogans verdächtig ähnlich sind.
Liebe Leser dieses Blogs: ich kann nicht einschätzen, wie viele Sie sind, und auch nicht ob Sie meinen Worten Glauben schenken oder nicht, obwohl ich das Beste hoffen möchte. Aber ich werde weiter durch dicke Bretter bohren. Für uns Katalanen gibt es keine Alternative.
Die komplette und höchstinteressante Artikelreihe von Pere Grau findet man unter: https://peregraurovira.wordpress.com


Montag 03. April 2017 03.04.17 18:10

          

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