EMPURIABRAVA, 31.03.2017 - 02:37 Uhr

Ein gut informierter Deutscher

Von Pere Grau
In meinen Artikeln habe ich sehr oft bedauert, dass so viele Deutsche der Ruf der Katalanen nach Unabhängigkeit nicht begreifen, falsch einordnen oder sogar verdammen, ohne wirklich über Gründe und Zustände richtig informiert zu sein. Es gibt aber auch Deutsche, die sehr gut im Bilde sind und (oft ohne sich für die katalanische Unabhängigkeit zu erklären) entschieden für das Recht der Katalanen auftreten, über den eigenen politischen Zukunft stimmen zu können. Diese gut informierte Deutsche sind meistens Gelehrte, Universitätsprofessoren, etc. Til Stegman, Kai Olaf Lang oder Klaus-Jürgen Nagel sind bei uns dafür sehr bekannte Beispiele.
Vor kurzem hat man mich auf einen anderen Deutschen aufmerksam gemacht, der Katalonien sehr gut zu kennen scheint. In einem Artikel erschienen in den Süddeutschen Zeitung am 29.09.2015 (den ich zur zeit seiner Erscheinung leider verpasst habe), schrieb Prof. Dr. Peter A. Kraus (Professor für Politikwissenschaft an der Universität Augsburg) über die Wahlen zum katalanischen Landesparlament, die zwei Tage vorher stattgefunden hatten. Hier möchte ich für meine Leser einige Teile des Artikels zitieren, den ich als einen der objektivsten betrachte, die in den letzten zwei Jahren in Deutschland  über Katalonien erschienen sind. Das schreibt Dr. Kraus:
„…In der deutschen Öffentlichkeit wird der „Prozess“ – so die unter Katalanen gebräuchliche Bezeichnung für den Weg … zur staatlichen Souveränität führen soll – häufig von einer Perspektive betrachtet, die recht borniert scheint. Zum einen wird der Streit um die politische Zukunft Kataloniens  als Ausdruck des Konflikts zwischen reichen und armen Regionen gedeutet. Zum anderen wird das Gespenst heftiger ethnischer Gegensätze, wie air sie aus dem ehemaligen Jugoslawien kennen, heraufbeschworen. Doch wirtschaftliche Motive sind nur einer von vielen Faktoren, die die katalanischen Unabhängigkeitsbestrebungen erklären.
Viel wichtiger ist das unter einer großen Mehrheit katalanischer Bürger verbreitete Gefühl , als strukturelle Minderheit keinerlei Möglichkeit zu haben, eigene Anliegen gegenüber einem auch nach 40 Jahre nach Francos Tod im Namen der „einen und unteilbaren“ spanischen Nation zentralistisch agierenden Staat effektiv vertreten zu können…“
„…Der sich politisch aufgeklärt wähnende Blickwinkel, der in Deutschland dominiert, neigt dazu, katalanische Forderungen nach kollektiver Selbstbestimmung vor dem Hintergrund der in nationalen Fragen stark problembehafteten eigener Vergangenheit zu sehen. …“
„… Oft werden die Katalanen als skurril, wenn nicht gar als störend wahrgenommen. Ihre Forderungen erscheinen als anachronistisch, und immer wieder fällt der Hinweis, dass Europa  im Moment wichtigere Sorgen hat, als sich um die Befindlichkeit eines kleinen Volkes zwischen östlichen Pyrenäen und Mittelmeer zu kümmern. …“
„… Viele Katalanen empfinden das beharrliche Ignorieren ihrer Anliegen nicht nur von Seiten Madrids, sondern auch von Seiten Brüssels und Berlins inzwischen als demütigend. Die beeindruckenden Mobilisierungserfolge, die die Unabhängigkeitsbewegung seit 2010 vor Ort erzielt, schienen nicht zuletzt den Zweck zu erfüllen, katalanische Ohnmachtsgefühle voluntaristisch zu überwinden und die Hoffnung zu bewahren, das sich harte politische Wirklichkeiten durch beharrlichen kollektiven Einsatz verändern lassen. Denjenigen, für die keine Politik jenseits der harten grenzen staatlicher Realpolitik gibt, mag dies naiv erschienen. Für die Hunderttausende Katalaninnen und Katalanen, die in einem dichten Netz zivilgesellschaftlicher und politischer Assoziationen seit Jahren für das „Recht zu entscheiden“ eintreten, ist der breite Rückhalt, den ihre Forderungen genießen, hingegen ein Zeichen demokratischer Würde und Legitimität. Im Kern ist der katalanische Prozess Ausdruck des Wunsches dieser Bürger, über ihr politisches Schicksal nach demokratischen Regeln selbst bestimmen zu können. Ethno-Pathos und der Vergangenheit zugewandte Folklore spielen demgegenüber eine allenfalls marginale Rolle….“
„… Es ist eine Bewegung , die bisher in allen ihren Schritten darum bemüht war, demokratische Glaubwürdigkeit und kosmopolitische Offenheit zu vermitteln. Es ist in weiten teilen eine Bewegung, die versucht, im realpolitischen „Europa der Staaten“ eine Lücke für das “ Europa der Bürger“ aufzureißen. Und es ist eine neuartige Bewegung, die -wie so vieles, was sich heute in einem sklerotischer denn je anmutenden Europa von unten artikuliert – althergebrachten Raster zu sprengen uns einen politischen Paradigmenwechsel anzukündigen scheint….“
„…In Katalonien wird die Unabhängigkeitsbewegung, anders als im Veneto oder zum Teil wohl in Flandern, nicht von Wohlstandschauvinismus oder völkischer Atavismus angetrieben. Sie ist vielmehr Ausdruck einer zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation und eines demokratisch getragenen Selbstbehauptungswillens, die auch vor den starren Strukturen etablierter Staatlichkeit nicht haltmachen wollen. Es ist gerade dieses innovative Moment das in Deutschland und in Europa ernst genommen werden sollte, um zu vermeiden, dass die Europäische Union zu einer reinen Ordnungsanstalt wird, in der die Verwaltung des Status quo  Bemühungen um demokratischen Wandel keinen Spielraum lässt“
Ich weiß nicht ob der Leser richtig ermessen kann, wie dankbar die Katalanen sind für Stimmen wie die von Prof. Dr. Kraus, die über Katalonien kenntnisreich und ohne Vorurteile reden und schreiben. Wir werden sie nicht vergessen.

Mittwoch 02. November 2016 02.11.16 18:52

          

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