EMPURIABRAVA, 18.05.2012 - 17:00 Uhr

Jungfrauen und Massanzüge

VALENCIA / SPANIEN: Es ist immer wieder schwierig, angesichts der spanischen Verhältnisse keine Glosse zu schreiben. Wir alle haben den Prozess gegen den früheren Präsidenten des Autonomiegebietes Valencia mitbekommen, in dem es um eine Anzahl massgeschneiderter Anzüge, Schuhe und Accessoires ging, die dem schönen und smarten Francisco Camps geschenkt wurden im Gegenzug zu gewissen Gefallen, die er dem Korruptionsnetz „Gürtel“ getan haben soll. Das Schöffengericht, bestehend aus neun Männern und Frauen aus dem Volke, sprachen nach langwierigen Beratungen den streng religiösen praktizierenden Katholiken von dem Vorwurf der Korruption frei. Bei der Annahme der Geschenke habe es sich um „normale Handelsbeziehungen“ gehandelt. Camps unternahm im Anschluss eine Pilgerfahrt nach Sevilla, um der Virgen de la Macarena für diesen Freispruch zu danken. War dieses Urteil ein Wunder? Sollte sich die Jungfrau Macarena tatsächlich für so etwas Triviales wie Männeranzüge interessieren, müsste sie dem Pilgerreisenden eher böse sein: der sonst so elegant gekleidete Mann, der Wert darauf legte, dass ihm die Jacketts um seine schmale Taille immer recht eng anlagen, trat in offenem Hemd, ohne Krawatte und mit einem deutlich zu weiten Jackett vor die Heilige.

Spanien hat eine lange Tradition im Umgang mit heiligen Jungfrauen. So hatte Militärdiktator Franco stets den „Arm von Santa Teresa“ auf dem Nachtkästchen stehen, auch wenn es meistens Ehefrau Carmen Polo war, die diesen um Unterstützung bei dem „Kreuzzug“ (gemeint war der Bürgerkrieg) anzurufen pflegte. Zu jener Zeit stand auch der „Mantel der Jungfrau Pilar“ in hohem Ansehen und der Bürgerkrieg wurde unter Anrufung der Jungfrau von Covadonga geführt.
Jungfräuliche Hilfe beim Reinwaschen von Sünden, das kommt mir echt spanisch vor.
Angelika Eisenführ

Donnerstag 09. Februar 2012 09.02.12 22:20

          

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