Empuriabrava: Moderne Wegelagerer
EMPURIABRAVA / KATALONIEN / SPANIEN: ARENA hatte schon vor einiger Zeit darüber berichtet, aber das hinderte nicht, dass unsere Redakteurin Angelika Eisenführ Opfer dieser modernen Art der Wegelagerei wurde. Ausgerechnet am Sonntagmorgen, wenn im Ort wenig Betrieb herrscht, weil alle Geschäfte geschlossen sind, hörte ich auf der Strasse Joan Carles I. plötzlich einen klingenden Schlag an meinem fahrenden Auto, obwohl ich keinerlei Kontakt mit einem fremden Fahrzeug gehabt hatte. Ich setzte deshalb die Fahrt in Richtung Stadtmitte fort, um - welch ein Zufall - - bei meiner Bank den Saldo abzurufen. Als ich die Tür öffnete, um auszusteigen, sah ich ein fremdes Gesicht unmittelbar an der Seitenscheibe und ein höflich wirkender Mann, korrekt gekleidet und französisch sprechend, bat um ein kurzes Gespräch mit mir. Ob ich denn nicht bemerkt hätte, dass mein Wagen seinen Seitenspiegel gerammt habe? Nein, das hatte ich nicht. Der vermeintliche Herr lobte mein gutes Französisch, beteuerte noch, er habe grosse Sympathie für die Deutschen, aber leider, leider sei sein Seitenspiegel so beschädigt, dass er bei dem nächsten Windstoss davonfliegen werde. Also was tun? Ein Formular ausfüllen? Er hatte keines da und ich auch nicht. Ein Gang zur Polizei? Schien mir nicht nötig. Die Versicherung mit einer solchen Bagatelle zu behelligen fand ich ebenfalls nicht sinnvoll.. Der Franzose setzte sich unaufgefordert auf den Beifahrersitz, nahm sein Handy und sprach hinein. Später erklärte er mir, es gebe in Girona eine Servicestelle, die man 7 Tage pro Woche Tag und Nacht anrufen könne, um in solchen Fällen zu erfahren, was ein solcher Schaden am Auto kosten könne: es sollten 338,- € sein! (Mir hat man schon ungezählte Mal den Seitenspiegel meines parkenden Autos abgefahren und ich musste nie mehr als 80 Euro für den Ersatz ausgeben.) Der Franzose – inzwischen erklärte er sich zum Katalanen, sprach aber auch italienisch mit dem Geistergesprächspartner am Telefon, schlug vor, ich solle ihm diese 338 Euro einfach bar in die Hand geben und alles sei in Ordnung. Da ich solche Beträge spätestens seit der Krise von 2008 nicht mehr bei mir trage, schlug der Mann – immer noch sehr höflich – vor, ich solle das Geld am Automaten ziehen, schliesslich stand ich ja nur wenige Meter von meiner Bank entfernt.
Aber manchmal ist es ein Glücksfall, nahezu pleite zu sein: der Automat gab gerade einmal fünf blaue Zwanziger von sich. Dass es ein Wegelagerer der modernen Art war, erkannte ich in dem Augenblick, als ich ihm das Geld einhändigen wollte, er aber zischte: „doch nicht hier auf der Strasse“. Dass er sich mit hundert Euro zufrieden gab, wo doch der Schaden angeblich so viel höher sein sollte, das hatte nur eine einzige Erklärung: für einen Dieb und Betrüger macht Kleinvieh eben auch Mist.
Angelika Eisenführ
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