Katalanische Weihnachtsbräuche (3)
Fortsetzung von gestern
KATALONIEN: Auch die „Pastorets“, die Hirtenspiele, sind ein Produkt des (frühen) 20. Jahrhunderts. Allerdings haben auch sie sehr alte Vorgänger: spätmittelalterliche liturgische Spiele in den Kirchen zur Weihnachtszeit, in denen die Verkündigung an die Hirten – Menschen, in denen sich das Volk wieder erkannte - und ihr Weg zur Krippe geschildert wurde. Auch Engel, die die Hirten zur Krippe leiten wollen und Teufel, die sie daran hindern möchten, und ihr Kampf untereinander, spielten eine Rolle Dabei konnten durchaus burleske und derbe Szenen vorkommen, die schließlich zum Verbot dieser Spiele führten Die heutigen volkstümlichen – sehr unterschiedlichen - Theaterstücke nehmen diese Tradition und die Hirtenszenen der Krippen auf und setzen sie in Handlungen um, meist mit Musik und alten oder neuen Liedern.
Das Ganze ist oft mit Anspielungen an das heutige, oft örtliche Leben und viel Klamauk, aber auch mit großer Spielfreude und vielen Einfällen, verbunden. Volkstheater, das man zum großen Teil verstehen wird, auch wenn man nicht Katalanisch kann.
Noch eine Frage: woher kommen die verschiedenen Gestalten und Szenen der Krippendarstellungen? Die kirchlich anerkannten neutestamentlichen Schriften der Bibel bilden die Grundlage: Matthäus spricht von der „Jungfrauengeburt“, erzählt von den „Weisen aus dem Morgenland“ ( nicht aber von ihrer Zahl oder gar ihren Namen), der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten und ihrer Rückkehr, auch vom Kindermord des Herodes. Über die Umstände der Geburt Jesu lässt er sich nicht aus. Dies trägt Lukas nach: er bringt eine lange Vorgeschichte mit der „Verkündigung“ der Geburt Jesu durch den Engel Gabriel an Maria. Dann erzählt er die bekannte „Weihnachtsgeschichte“ mit der Geburt Jesu in einer Krippe bei oder in einer „Herberge“, den Hirten, dem „Verkündigungsengel“ und den lobsingenden Engeln mit der Friedensverheißung sowie dem Gang der Hirten zur Krippe und ihre Rückkehr. Aber wo bleiben Ochs und Esel, wo bleiben genauere Umstände? War der Geburtsort ein Stall oder eine Höhle? Wo die Überlieferung lückenhaft oder ungenau ist, blüht die Phantasie. Die Lücken füllen „apokryphe“, spätere, nicht von der Kirche offiziell anerkannte Evangelien aus. Ochs und Esel stammen aus dem „Pseudo-Matthäusevangelium“,
das sich auf alttestamentliche Stellen bezieht und auch von einer Höhle als Geburtsstätte spricht ( der Stall wird aus dem Lukas-Evangelium geschlossen). Dass es drei Weise waren, folgerte man aus ihren Geschenken: Gold, Weihrauch, Myrrhe. Das „Armenische Kinheitsevangelium“ gibt ihnen Namen: Kaspar, Melchior und Balthasar. Dann machte man sie zu Königen. Weiterhin heften sich allerlei symbolische Bedeutungen an die Tiere und Gestalten.
Ein weiteres Beispiel. In den neapolitanischen und katalanischen Krippen findet sich der „Carboner“, der Köhler, der Holzkohle zur Krippe bringt. Außerdem gibt es in Katalonien die Sitte, den weniger braven Kindern ein Stück schwarze „Zucker-Kohle“ zu verabreichen, die der Tio auscheidet. Der Köhler ist an sich eine typische Erscheinung des vergangenen Katalo- niens. Aber seine verborgene Herkunft in den Krippen liegt in einem koptischen apokryphen Kindheitsevangelium.
Da erscheint ein verrußter Köhler auf einem Esel in Nazareth und bringt einen Haufen Kohle, damit „unser Herr“ – der jetzt bereits Knabe ist - sich erwärmen könne. Die Brüder Jesu helfen auf Geheiß Josephs beim Abladen und Maria speist den Köhler mit Brot und Wasser. Da ergreift der Jesusknabe ein Stück Kohle und gibt es dem Köhler mit dem Wort: „Iss!“ Der Köhler isst – gedankenverloren oder gläubig – und siehe da, das schwarze Stück Kohle verwandelt sich in seinem Mund in Zucker.
Möge Ihnen, liebe Leser, das katalanische Weihnachten gut bekommen! Bon Nadal!
Dr. Wolfram Janzen
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