EMPURIABRAVA, 18.05.2012 - 09:05 Uhr

Katalanische Weihnachtsbräuche (2)

Von Dr. Wolfram Janzen

Fortsetzung von gestern

KATALONIEN: Ursprünglich sollte der Ast Wärme und Licht bringen. Dass er etwas von sich gibt, zeigt, dass er – wie der Caganer – auch ein Fruchtbarkeitssymbol war, adaptiert zu Weihnachten, das ja die Geburt Christi feiert, der Licht und neues Leben mit sich bringt. Der christliche Firnis ist aber nur dünn; „Eschatologie“ (Lehre vom Ende der Welt) wird von „Skatologie“ (Lehre von den Ausscheidungen) unterwandert. Auch der Caganer hat diesen ironischen Charakter: er düngt die Erde, woraus Neues wächst. Außerdem zeigt er, dass die menschlichen Bedürfnisse, die „Notdurft“, durchaus neben dem Heiligen und Feierlichen bestehen können. Schließlich müssen auch Heilige und Könige mal …, genauso wie Hirten und Bauern. Da steckt eine Absage gegen allzu große (Weihnachts-)Feierlichkeit drin.

Womoglich ist die Tätigkeit des Caganers auch eine Folge des üppigen Essens, das am ersten Weihnachtstag in Katalonien üblich ist. Nicht umsonst heißt es: Menja be, caga fort i no tinguis por a la mort – Iss gut, sch… kräftig und kümmere dich nicht um den Tod. Warum ist es Sitte, an Weihnachten so zu schlemmen und ausgelassen zu sein? Das hat sich aus den Zeiten erhalten, als man noch im Advent fastete.

Woher kommen die Krippen? Traditionell - es gibt aber auch moderne – sind sie im barocken Stil angefertigt und in dieser Zeit kamen sie auf und erhielten ihren volkstümlichen Charakter, man denke z. B. an die sich an das Volk wendenden und oft drastischen Predigten von Abraham a Santa Clara. Krippen dienten der Volksmissionierung und die war volkstümlich und anschaulich. Schließlich konnten damals bei weitem nicht alle Menschen lesen und so wurden andere Wege der Vermittlung gesucht.

Die Krippen erzählten ohne Buchstaben und Worte die in der Weihnachtsgeschichte enthaltenen Botschaften.

 

Volksnahe, realistische mit vielen Figuren und Szenen ausgeschmückte Krippen wurden in Italien und besonders in Neapel hergestellt. Von dort brachte sie König Carlos III. (1715-58), der auch König von Neapel und Sizilien war, nach Spanien und Katalonien. Übrigens hat dieser König 1763 auch die spanische Weihnachtslotterie eingeführt – um den Staatssäckel zu füllen. Auch in den neapolitanischen Krippen findet sich der ka…nde Hirte, der dann mit katalanischen Besatzungssoldaten bis in flandrisch-belgische Krippen gelangte.

 

Aber die Erfindung der Krippen liegt noch weiter zurück. Abgesehen von der Plastik und Malerei, die die Geburt Christi schon früh darstellte ( ab dem 4. Jahrhundert auf Sarkophagen) und immer beeinflusste, gilt als Initiator der Heilige Franziskus von Assisi (1181-1230).

Nach Thomas von Celano (gest. 1260), dem Verfasser der ersten Lebensbeschreibung des Franziskus, ließ der „Poverello“ ( der kleine Arme, wie Franziskus auch genannt wurde) in dem Dorf Grecchio 1223 eine „Weihnachtsfeier“ im Wald, in einer Höhle, vorbereiten. Er soll gesagt haben: „ Ich möchte nämlich das Gedächtnis an jenes Kind begehen, das in Bethlehem geboren wurde und ich möchte die bittere Not, die es schon als kleines Kind zu leiden hatte, wie es in eine Krippe gelegt, an der Ochs und Esel standen, und wie es auf Heu gebettet wurde, so greifbar als möglich mit leiblichen Augen schauen.“ „Nun wird eine Krippe zurechtgemacht, Heu herbeigebracht, Ochs und Esel herzugeführt. Zu Ehren kommt da die Einfalt, die Armut wird erhöht, die Demut gepriesen und aus Grecchio wird gleichsam ein neues Bethlehem. Hell wie der Tag wird die Nacht, und Menschen und Tieren wird sie wonnesam.“ (Thomas von Celano) Das war also die erste „Pessebre Vivent“, die lebende Krippendar- stellung, vorerst nur mit Krippe, Heu, Ochs und Esel – das Christuskind wurde visionär geschaut - Maria und Joseph und andere Gestalten fehlten, denn „Mütter sind wir, wenn wir Christus… in unserem Herzen und Leibe tragen; wir gebären ihn durch ein heiliges Wirken…“ (Franziskus) und ebenso sind wir Väter, Hirten, Könige und Engel, wenn wir ihre Hingabe und Aufgabe übernehmen.

 

Die Pessebres vivents, die heute in vielen Ortschaften Kataloniens, mit unterschiedlicher Qualität und Ausführung, aber immer mit viel Hingabe von den Beteiligten gefeiert werden,

sind freilich jüngeren Datums – die erste wurde 1962 in Corbera de Llobregat eingerichtet.

Man orientiert sich an den Haus- und Kirchenkrippen, wobei heute ein historisierender Zug zu bemerken ist – man will das Leben in Palästina zur Zeit Jesu möglichst echt darstellen, wobei die alten katalanischen Dörfer und die sie umgebende Natur eine sehr passende Kulisse bilden.

Fortsetzung morgen

Mittwoch 21. Dezember 2011 21.12.11 23:04

          

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