Katalanische Weihnachtsbräuche
Von Dr. Wolfram Janzen
KATALONIEN / SPANIEN: Weihnachtskrippen mit der Darstellung der Geburt Jesu kennen wir auch von Deutschland.
Aber hier beschränken sich die Krippenfiguren meist auf die zentralen Figuren, die wir mit der Weihnachtsgeschichte verbinden: Das Jesuskind in der Krippe, im Stall, umgeben von Maria und Joseph, Ochs und Esel, den Hirten, dem Engel der Verkündigung, den Heiligen Drei Königen…Blicken wir auf katalanische Krippen („Pessebres“ – ein spanisches Wort!), so entfaltet sich ein ganzes Panorama von Szenen und Figuren. Natürlich sehen wir irgendwo den Stall oder eine Höhle mit dem Kinde, wir finden auch Maria und Joseph, Ochs, Esel (hier meist ein Maultier) und über der Geburtsstätte einen Verkündigungsengel. In Landschaften mit Moos, Steinen und Holz gestaltet, sehen wir dann die Hirten, die auf dem Felde bei ihren Tieren tätig sind. Und es ist gleich eine Vielzahl von Hirten mit verschiedenster Beschäftigung: die einen lauschen den Engeln, ein anderer hört nichts, weil er kocht, andere streiten…Aus der Ferne ziehen die drei „magischen Könige“ herbei, dem Stern nach, in orientalischem Gepränge, auf Kamelen, mit Dienern, einer meist schwarz, manchmal auf einem Elefanten. In großen Krippen erstreckt sich die Szenerie vom Dorf Bethlehem bis auf das hochragende Jerusalem, die katalanischen Dörfern oder Städten nachgebildet sind. Und überall entfaltet sich das Volksleben, die verschiedensten traditionellen Berufe sind zu sehen, Bauern, Handwerker, Töpfer, Köhler, Schreiner, ein Fischer an einem See, Frauen am Brunnen mit Krügen…Dazwischen reitet ein Priester im schwarzen Habit…Menschen versammeln sich auf einem Markt. Viele Tiere beleben die Szenen: kleine Vögel, Enten, Hühner, Ziegen, Wolf…Meist sind die Kostümierung, die Geräte, die Tätigkeiten nicht historisch, sondern aus dem katalanischen Leben vergangener Zeiten gegriffen. In großen Krippen wird nicht nur die Geburtsszene dargestellt, sondern auch Vorhergehendes und Nachfolgendes. Wir sehen in Jerusalem, wie der Engel Gabriel Maria die Geburt ihres Kindes verkündigt, wir finden den König Herodes, der die drei Könige befragt, an anderer Stelle wird uns die Flucht des Heiligen Familie nach Ägypten gezeigt, der Mord an den Kindern in Bethlehem durch Herodes dargestellt, auch Joseph mit dem Jesusknaben in seiner Werkstatt ist zu finden. Und dann gibt es Figuren, die für uns ganz befremdlich in diesem Geschehen sind: In einer Höhle sitzt ein Teufel und hinter einem Busch der „Caganer“ mit heruntergezogener Hose, der sein „Geschäft“ erledigt. Das heilige Geschehen wird hier sehr realistisch in das traditionelle katalanische Alltagsleben eingebettet.
In den katalanischen Krippen spiegelt sich eine andere Auffassung von Weihnachten, als wir sie kennen. Weihnachten ist nicht wie bei uns – herkömmlicherweise - ein „besinnliches“ Fest, auf das man sich in der Adventszeit vorbereitet und das man still im engen privaten Kreise feiert, mit dem Höhepunkt am „Heiligen Abend“, an dem auch die „Bescherung“ stattfindet. Die Adventszeit kennt man in Katalonien kaum mehr, der Beginn der Weihnachtszeit ist der 13. Dezember, Santa Lucia, das Lichterfest, oft verbunden mit Firas, Märkten, die überhaupt die Vorweihnachtszeit prägen. Dann stellt man die Krippen auf, in Häusern, Plätzen und Kirchen. Die Krippen stehen an Stelle der Adventskränze und Weihnachtsbäume bei uns. An den Krippen vergegenwärtigt und verfolgt man das Weihnachtsgeschehen. So rücken die Kinder die Reis Mags immer näher an den Geburtsort Jesu bis zum Dreikönigstag, an dem sie dann Geschenke, nicht vom „Christkind“ oder „Weihnachtsmann“, sondern von den Heiligen Drei Königen erhalten. ( Natürlich haben inzwischen im Zeitalter der Amerikanisierung und Vereinheitlichung auch Santa Claus oder Papa Noel hierzulande Einzug gehalten und gibt es in manchen Familien Geschenke schon zur „Nit de Nadal“, am „Heiligen Abend“).
Weihnachten ist ein fröhliches und geselliges Fest, in dem Scherz und Ausgelassenheit durchaus ihren Platz haben. So zogen früher die Jugendlichen in der Nit de Nadal umher, sangen Weihnachtslieder mit manchmal zweideutigem und burleskem Charakter, forderten Gaben für das Weihnachtsmahl, tanzten und trieben Scherze. Oft traf sich das ganze Dorf in der Nacht, brachte Holzscheite, die zu einem Feuer entzündet wurden; ein auf heidnische Zeiten zurückgehender Brauch, der die Wiederkehr der Sonne und des Lichtes feierte. Auch heute noch gibt es in der Weihnachts- und Neujahrszeit Anklänge an Karneval, so der 28. Dezember, der unserem 1. April entspricht oder der „Home de los Nassos“, eine Art „Karnevalskönig“, mit großer Nase ( ursprünglich den 365 Nasen/Tagen des Jahres), der in manchen Ortschaften an Silvester kommt und Süßigkeiten an Kinder verteilt. Bei all den Gebräuchen schimmern die römischen „Saturnalien“, ein ausgelassenes Fest am 17. Dezember, durch. Die bäuerlich-dörflichen Sitten haben sich aber heute nur noch in Resten erhalten. In der bürgerlichen Gesellschaft sind der Caganer und der Tio geblieben.
Die katalanische Sitte des „Tio“ in der Nit de Nadal hat scherzhafte Züge. Dies ist ein großer Ast, heute mit Gesicht, „Barretina“ (roter Mütze) und Füßen. Am hinteren Ende ist er hohl. Ab dem 8. Dezember wird er mit Süßigkeiten – vor allem Torro/Mandelkonfekt - gefüllt. Bis Weihnachten sollte er verhüllt sein. Die Kinder schlagen in der Nit de Nadal auf ihn ein, bis er die Leckereien von sich gibt. (Manchmal befinden sich unter ihm auch Geschenke.) Dabei singen sie - so oder ähnlich:
Caga, tio,
sino et dare cop de basto,
caga torrons
i pixa vi blanc.
Sch…e, Ast, sonst setzt es Schläge, sch… Mandelkonfekt und pis...e weißen Wein (oder Sekt).
Fortsetzung morgen
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