EMPURIABRAVA, 18.06.2018 - 21:16 Uhr

Legenden und Mythen der Region - Der katalanische Mythos vom schrecklichen Grafen Arnau (5)

von  Dr. Wolfram Janzen
Fortsetzung von gestern
PROVINZ GIRONA / KATALONIEN / SPANIEN:  Im dritten Teil bewegt sich zwar Arnau auf dem schmerzlichen Weg „zum großen Frieden“, bittet aber Gott, dass er sein Purgatorium verlängere, bis er seine Schuld vor Menschen und Gott abgebüßt habe. Er versteht sein Umgetriebensein als Rei- fungsprozess in der Liebe. In seiner Selbstbezogenheit hat er gegen das „Gesetz der Liebe“ verstoßen, das „die Essenz des Lebens und Gott ist“ (Maragall in einem Brief). Doch noch bewegt er sich  „com un despert entre adormits“, „wie ein Wachgewordenen unter Schlafenden“, unversöhnt zwischen Tod und Leben, die anderen in ihrem konventionellen Leben als Fremder beobachtend, zerrissen vom Gewicht der Vergangenheit und den inneren Stimmen.

Aber eines Tages, voller Licht und Sonne, auf einer grünen Wiese, hört Arnau „una veu viva“, eine lebendige Stimme, eine Stimme aus der Welt der Lebenden. Sie gehört einem Kind des Volkes, einer Pastora (Hirtin), die versteht und die Canco in selbstloser Liebe singt und so „das alte Lied“ und die düstere Weise verändert. Damit erlöst sie ihn und seine Geister.

Lo que la mort tanca i captiva                             
Das was den Tod zum Schweigen bringt,
Sols per la vida es deslliurat:                               wird durch das Leben nur entbunden,
Basta una noia amb la veu viva                           es reicht die lebensvolle Stimme  einer jungen Frau,
per redimir la humanitat .                                    um Menschsein zu erlösen.

Die Wandlungen Arnaus spiegeln die Wandlungen Maragalls. In den letzten Jahren vor seinem frühen Tod hat er offenbar einen gewissen Ausgleich zwischen Unglauben und Glauben, zwischen bürgerlichen Konventionen und  anarchischen Strebungen, zwischen Zerissenheit und Harmonie, zwischen Erdverbundenheit und Himmelsstreben gefunden.

So war er zu einem „einfachen“ Christentum zurückgekehrt und wollte im „Habit des heiligen Franziskus“ begraben werden. Es blieb ihm aber immer etwas vom Individualismus, vom Nonkonformismus, dem Zweifel und der Erdverhaftung Arnaus.

Den Weg der Erlösung fand er  im Blick auf die einfache Schönheit des Lebens und der Welt, dem Wort der Dichtung  und der Hoffnung auf „eine größere Geburt“ jenseits des Todes (Cant espiritual 1911).

Es ist wohl nur die Schwerzugänglichkeit der katalanischen Sprache, die diesen Arnau gehindert hat, in seiner dichterischen Schönheit und existentiellen Symbolhaftigkeit in den Himmel der bekannten europäischen Literatur aufzusteigen.

Ausflüge auf den Spuren des Comte Arnau

Wir verlassen diese literarischen Höhen und bewegen uns wieder in den Bereichen der volkstümlichen Legenden. Die Literatur hat die volkstümliche Erzählkunst befruchtet und dafür gesorgt, dass an den Arnausagen weiter gesponnen wurde.  So hat man alle möglichen volkstümlichen Geschichten auf ihn übertragen. Er taucht als Maurenkämpfer auf, als Erbauer von Kirchen, Schlössern, Felstreppen und Wasserkanälen - „ob es Gott gefällt oder nicht“ - wobei er die Leute um ihren Lohn betrügt; als einer, der Umgang mit dämonischen Wesen, mit Hexen und Naturgeistern hat, die ihm Zauberkräfte verleihen; als Frauenverführer, der Nonnen und Edeldamen raubt und auf seinem Schloß bis zu ihrer Niederkunft verborgen hält. Sogar die Schändung einer toten Nonne sagt man ihm nach. Mit List gewinnt er sein Schloß und seine Ländereien nach einer Enteignung des Grafen von Barcelona wieder zurück. Er ist Feind Gottes und Freund des Teufels. Am Schluß holt ihn der Teufel und er wird zur verdammten Seele, die nächstens aus der Hölle steigt. Auf seinem nächtlichen Ritt  wird er von blutrünstigen Hunden und Wölfen und anderen Verdammten begleitet und erschreckt die Menschen. Man muß sich bekreuzigen, wenn man ihm begegnet.

Wir folgen seinen Spuren weiter. In Sant Joan de les Abadesses besichtigen wir das Kloster mit seinen Kunstschätzen und dem idyllischen Kreuzgang. Hier also stieg er aus einer unterirdischen Mine hervor und besuchte die Äbtissin. Und ist diese vor dem dämonischen Verführer in die mystische Dunkelheit der Kirche geflüchtet ? Zu der hölzernen Skulpturengruppe des „Allerheiligsten Mysteriums“, einer viel verehrte Darstellung der Kreuzabnahme Jesu? Und dort steht auch die  alabasterne  „weiße Jungfrau Maria“, die uns an das „valga´m  Deu, val!“, an die bei Gott und Maria Zuflucht suchende Witwe des Grafen erinnert. Oder soll man sich – wie wohl Maragall - das Geschehen im Abtshaus, das ebenfalls einen reizvollen Kreuzgang besitzt, vorstellen? Egal, wir bewegen uns im Bereich der Sage und nicht der Historie. Phantasie und Vorstellungkraft sind angesagt.

Wir entschließen uns, im Abtshaus Verse von Maragall vorzutragen, deren Einfachheit und Wohlklang hier gut hineinpasst.  Im anschließenden Laden finden wir Literatur, CDs und Souvenirs vom Grafen. Der wird in Sant Joan ganz schön vermarktet. Bei unserem Gang durch die mittelalterlich wirkenden Gassen finden wir auch die Casa Maragall mit ihrem aus mächtigen Steinen zum Bogen gefügten Eingangsportal. Hier hat Maragall Ende des 19. Jahrhunderts Sommerzeiten verbracht und die Sage vom Grafen Arnau kennengelernt. Von der Säule des Grafen, zu der wir uns dann begeben, haben wir schon gesprochen.
Fortsetzung am Montag

Freitag 08. April 2011 08.04.11 20:10

          

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